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Abstieg Nummer Sechs: Es fühlt sich anders an als 2020

Abstieg Nummer Sechs: Es fühlt sich anders an als 2020
Abschied bis zum Sommer...

Abstiege sind keine schöne Sache. Wenigstens musste der SC Preußen Münster den Weg diesmal nicht alleine gehen. Das war im Sommer 2020 ganz anders. Das bittere 0:3 gegen den SV Meppen im Juli 2020 fand wegen Corona ohne Zuschauer statt, die Tränen flossen damals still. Niemand weit und breit, der irgendwen auffing, alle waren irgendwo daheim und mit ihrer Enttäuschung allein. Die Umstände sind im Frühjahr 2026 allerdings andere.

Was für ein Kontrast zum Sommer 2020 war das am Sonntag. Knapp 10.000 Zuschauer, davon rund 9.000 Preußen trugen den Sportclub über den Abpfiff hinweg. Da war kein Wutausbruch, kein ungesteuertes, ungefiltertes Drama. Alle hatten es kommen sehen, am Ende war der Abpfiff und der Abstieg nur noch ein Vollzug. Vielleicht gibt es Fans, die gerne etwas mehr Stress, etwas mehr Wut gehabt hätten, vielleicht war das alles zu lieb und zu wenig energisch. Mag sein. Aber am Ende ist es besser, nicht mit Messern zwischen den Zähnen und großer Bitterkeit aus der 2. Bundesliga zu gehen. Es hilft beim Neustart.

Fünf Abstiege hatte der SCP seit der Gründung der Bundesliga bereits im Gepäck. 1964 ging eben diese Bundesliga nach nur einem Jahr dahin, 1981 stieg der SCP bei der Einführung der eingleisigen 2. Bundesliga ab und trat in der (drittklassigen) Oberliga Westfalen an. 1991 war wieder ein Zweitliga-Abstieg dran, 2006 ging es erstmals in die Viertklassigkeit. Und dann kam 2020, der Abstieg, der den Klub ziemlich veränderte. Damals raffte sich der ganze Klub und startete einen starken Aufbau, der letztlich in den Profifußball führte.

Schwung aus dem Osten

Jetzt steht Abstieg Nummer Sechs fest – und die Ausgangslage ist völlig anders als noch vor sechs Jahren. Es geht „nur“ in die 3. Liga, nicht mehr in den Amateurfußball. Und in praktisch allen Bereichen ist der SC Preußen heute besser aufgestellt und vorbereitet als noch im Sommer 2020. Die größte Vorfreude gilt der neuen Ostkurve, die am 1. August offiziell eingeweiht wird. Die Kurve, die eigentlich eine Tribüne ist, wird dem SCP Schwung verleihen. Das ist das von außen sichtbarste Zeichen. Das Stadion insgesamt und der Ausblick auf die Fertigstellung bis Ende kommenden Jahres macht Hoffnung.

Wichtiger sind die internen Strukturen. Das „Leistungszentrum Münsterland“, ehemals Youngstars, steht jetzt zur Verfügung. Personell hat der SCP hinter den Kulissen deutlich zugelegt und verfügt über ein Team, dem der Sportclub am Herzen liegt. Viele Strukturen gab es beim bis dato letzten Abstieg 2020 nicht. Wirtschaftlich hat die 2. Bundesliga dem SCP auch nicht gerade geschadet.

Das soll nicht bedeuten, dass beim SC Preußen keine Analyse stattfinden sollte. Die Gremien werden sich der Frage stellen, welche Fehler gemacht wurden. Ein paar sind augenfällig: Der Trainerwechsel kam Monate zu spät, der sportliche Absturz war keine Überraschung, sondern hatte sich bereits im Spätherbst deutlich angekündigt. Und auch die Kaderpolitik mit nachweislich verletzungsanfälligen Spielern war nicht ideal. Da waren Fehleinschätzungen dabei, die sich aber auch erst im Rückblick als solche bestätigt haben. So ist das eben manchmal im Fußball, Fehler gehören dazu. Die Haltung, den Verantwortlichen daraus einen Strick zu drehen, ist der falsche Ansatz. Und einordnen sollte man das zudem: So viele Klubs auf Augenhöhe oder mit ähnlichen Erwartungen kämpfen um die gleichen Ziele. Im Vergleich mit Oberhausen, Jena, Erfurt, Halle, Chemnitz, Offenbach oder Unterhaching steht der SCP wohl besser da.

Der Abstieg: Nicht unvermeidbar. Aber nach vielen Jahren im Aufwind ist er eben nur ein Schritt zurück. Das kommt nicht überraschend und gerade Ole Kittner oder auch Markus Sass hatten auch im Erfolg stets betont, dass Münster noch nicht in der Lage ist, wirklich wettbewerbsfähig zu sein. Über 33 Jahren wurde in Münster keine 2. Bundesliga gespielt und das hatte etwas mit den Strukturen und auch dem Selbstverständnis des SC Preußen gemacht. Gemessen daran war die Entwicklung des gesamten Klubs bemerkenswert und vielleicht, ganz vielleicht, haben die meisten Fans das auch genau so verstanden. Die Reaktion des Publikums im Spiel gegen Darmstadt war da nämlich ein deutliches Zeichen – und es war ein gutes Zeichen.

Belastbares Fundament

Dieser SC Preußen Münster ist kein Scherbenhaufen. Er verfügt jetzt über ein belastbares Fundament. Und das macht für die Zukunft eher Mut als alles andere.

Nur eine kleine Warnung gilt (uns allen). Um jeden Preis sofort zurück? Das wäre der falsche Ansatz. Die 3. Liga wird für Preußen Münster wirtschaftlich kein Erfolgsmodell werden, das kann man sicher sagen. Die Zeiten mit einem dicken Plus am Ende des Geschäftsjahres wird man sich vorerst abschminken können. Jetzt alles auf eine Karte zu setzen, um möglichst umgehend wieder an die „Fleischtöpfe“ zu kommen, wäre vielleicht verlockend, aber auch gefährlich. Diese Erfahrung hat der SC Preußen in den vergangenen zehn, 15 Jahren selbst gemacht. Erinnert sich noch jemand an den praktisch bankrotten Klub? An millionenschwere Schulden? So weit sollte es nicht kommen, aber es ist eben auch nicht mehr der gleiche SC Preußen wie früher.

4 thoughts on “Abstieg Nummer Sechs: Es fühlt sich anders an als 2020

  1. Dennoch sollte man intern den Finger in die Wunde legen. Dass der Abstieg vermeidbar war, ist allen klar, macht ihn umso ärgerlicher. Das bedeutet wiederum kein plakatives „Vorstand raus“, man sollte dem Ärger aber den nötigen Raum geben, bevor man wieder zu „business as usual“ übergeht. Gleichzeitig wäre es immens wichtig, die Ambition zu formulieren, dass diese beiden Jahre kein Betriebsunfall waren. Nur so schafft man es wieder hoch. Andernfalls dauert es wieder mindestens 33 Jahre.

  2. Avanti dilettanti oder ein preußischer Dreisatz: 1. Aus dem mit viel Dusel erreichten Klassenerhalt der Vorsaison wurden die völlig falschen Konsequenzen gezogen. 2. An diesen wurde beharrlich festgehalten, und zwar auch dann noch, als sämtliche Signale bereits auf Systemabsturz gestellt waren. 3. Dieser durchaus vermeidbare Abstieg geht eindeutig a` conto sportliche Leitung.

  3. Um jeden Preis sofort zurück? Schwierig, eine Antwort zu geben. Denn jedes Jahr 3 Liga kann ein Verlustgeschäft bedeuten. Andererseits bedeutet Geld nicht immer auch sportlichen Erfolg (siehe 1860 München, die waren vor der Saison der Topffavorit auf den Aufstieg). In jedem Fall brauchen die Verantwortlichen beim SC Preußen einen guten Transfer-Sommer und die nötige Portion Glück. Und nimmt man die Erfahrungen der letzten Jahre mit den Absteigern aus der zweiten Liga, so gilt zunächst mal wieder in der Liga ankommen. Ulm ist da sicherlich eine sehr krasse Warnung, aber auch andere, wie Bielefeld und Osnabrück hatten im ersten Jahr nach dem Abstieg große Probleme.

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