Preußen Münster wird in Wiesbaden reich beschenkt
Was war das für ein Auftakt in die 3. Liga? Der SC Preußen Münster hat seinen ersten Belastungstest bestanden und kehrt mit einem 3:1-Sieg beim SV Wehen Wiesbaden zurück nach Münster. Aber dass diese Partie so ganz blitzsauber lief, das konnte man nun wirklich nicht sagen. Aber beeindruckend war es phasenweise schon – in vielerlei Hinsicht.
Als der Spielberichtsbogen in Wiesbaden verteilt wurde, da waren die Fakten klar. Münsters erste Elf kam mit Ryan Johansson, dem ehemaligen Wiesbadener, aber ohne Mika Stuhlmacher, ohne Zidan Sertdemir, fast natürlich auch ohne Oscar Vilhelmsson. Auf der Bank saß im Grunde nur ein erfahrener Profi, nämlich Torge Paetow, und sonst ein ganzer Haufen Nachwuchsspieler – Tasov, Varelmann, Korte, Demirhan, auch Marvin Schulz, der Jüngere. Daran muss man sich auch erst gewöhnen.
Beim selbsternannten Aufstiegskandidaten war die Aufgabe durchaus mächtig. Und auf dem Feld gab der SVWW auch von Beginn an viel Tempo vor. Es entwickelte sich aber ein Spiel, in dem die Gastgeber vielleicht Vorteile bei Ballbesitz und Spielkontrolle hatten, aber de facto war es der SCP, der die Wiesbadener Offensive fast vollständig abmeldete – und im Gegenteil selbst Chancen erarbeitete. Und zwar mehr als Wiesbaden.
Das ging schon nach wenigen Spielminuten los, als Joshua Mees einen Freistoß zwar gut aufs Tor brachte, aber zu platziert auf den Torwart. Das war schon ein erstes Ausrufezeichen. Ja, Wiesbaden wirkte wie der Chef im Haus, aber wenn es gefährlich wurde, dann waren es die Preußen. Sie wie nach 13 Minuten, als die Wiesbadener Abwehr einen Ball für Mees scharf machte und der es irgendwie schaffte, den Ball an den Pfosten zu spitzeln. Das war schon eine knappe Sache – leider für Mees auch der erneute Abschied. Verletzt musste er raus, schon wieder. Für ihn kam Montell Ndikom, dessen Wirken in diesem Moment noch nicht klar war…
Aber sichtbar wurde Ndikom nach 27 Minuten: Wiesbadens Justin Janitzek spielte einen völlig harmlosen Rückpass auf seinen Torwart Florian Stritzel, doch der trat ein kapitales Luftloch und so kullerte der Ball in Richtung Tor. Dann verpennte Stritzel auch, dass Ndikom angesprintet kam und den Ball – halb angeschossen, halb dazwischengegangen – ins Tor beförderte. Ein absolutes Slapstick-Tor, ein Geschenk der Gastgeber. Und damit eben die Führung in diesem ersten Saisonspiel.
Spieldaten:
Nur wenige Minuten später hätte es 2:0 stehen können: Lewalds Abwehraktion war richtig schlecht, der Ball prallte an Felix Higls Brust und in den Lauf des Preußen, der dann beim Abschluss zu sehr gestört wurde und Stritzel parierte.
Wiesbadens erste wirklich gute Offensiv-Aktion folgte postwendend, als Neuzugang Karweina von links abzog und Morten Behrens stark abwehrte.
Die nächste Szene nach 37 Minuten passte perfekt zu diesem Spiel: Niko Koulis soll im Strafraum Janitzek umgestoßen haben – das war nach Ansicht der Bilder schon abenteuerlich. Kein TV-Bild zeigt einen klaren Stoß, letztlich sieht man nur Janitzeks Fall. Aber das genügte, um einen Elfmeter zu geben, den Moritz Flotho ganz sicher zum 1:1 verwandelte. Diesen Elfer strittig zu nennen, dürfte noch freundlich sein. Das Tor gab Wiesbaden Aufwind, kurz nach dem Treffer hatte Karweina die zweite Wiesbadener Chance, aber auch hier war Behrens zur Stelle. Und so ging es in die Pause.
Wiesbaden wütend und wach
Aus der kam der SVWW ganz anders heraus. Und jetzt war es auch ein anderes Spiel. Eines nämlich, in dem Münster nur noch damit beschäftigt war, defensiv zu arbeiten. Wiesbaden erspielte sich eine Fülle von guten und besten Chancen: Abi Allah mit einem schönen Schlenzer, den Behrens abfing. Max Brandts Schuss, den Behrens im Reflex übers Tor lenkte. Später setze sich Philip Hercher zweimal in Szene. Dazu gab es ein paar Halbchancen, die im Ansatz gefährlich wirkten, aber letztlich zu nichts führten. Aber klar: Wiesbaden kontrollierte nun die Partie.
Bis zur 76. Minute. Da agierte Brandt im eigenen Strafraum viel zu fahrlässig und erlaubte so Ndikom, den Ball an ihm vorbeizulegen. Zeit für den nächsten Elfmeter – und der war eigentlich gar keiner, niemals. Ein minimaler Zupfer, irgendetwas, Ndikom fiel theatralisch. In solchen Momenten taucht schon die Frage auf, ob ein VAR nicht doch sinnvoll wäre. Egal, den Preußen war es piepegal. Ndikom trat selbst zum Elfer an und verwandelte sicher zum 2:1!

Das Tor stellte den Spielverlauf der 2. Halbzeit ein bisschen auf den Kopf, so ehrlich darf man sein.
Natürlich wechselte SVWW-Trainer Scherning jetzt offensiv alles ein, was ging. Natürlich wirkte Wiesbaden jetzt aggressiv, suchte den Weg zum Preußen-Tor. Aber abgesehen von dem optischen Chaos sprang da ganz wenig bei heraus, weil der SCP diszipliniert und sicher stand. Der Abwehrblock hatte alles im Griff, auch wenn es phasenweise wüst aussah.
Und wie so Spiele dann eben laufen: Nur Sekunden nach seiner Einwechselung stand Marvin Schulz im Fokus. Und wie! Leon Tasov (ebenfalls zwischenzeitlich reingekommen) wuchtete von rechts einen ganz langen Ball vor das Tor. Auf der anderen Seite sprintete Schulze gegen den herauslaufenden Keeper und drückte den Ball mit links Richtung Tor, wo er dann hineintrudelte. Das war ein technisch ganz anspruchsvolles Ding und das auch noch in hohem Tempo. Es war zudem die Entscheidung, der erste Sieg der Saison, ein starkes Zeichen an die Liga – vor allem aber an sich selbst. Der SCP ist sofort da.
Zurück bei MagentaSport! Weniger Kameras als in der 2. Bundesliga, aber ein ausführliches Programm rund um die Partie. Beide Trainer im Gespräch, Spieler auch, das sah anders aus als beim gelangweilten Sy-Programm. Ein bisschen seltsam war es, dass der Kommentator den Wiesbadener Trainer Scherning konsequent „Schering“ nannte. Und dass zwar immer wieder der Wiesbadener Platz 1 in der Ewigen Drittliga-Tabelle genannt wurde – nicht aber Münsters Platz 7. Sei’s drum.

