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Kommentar | Dieser Prozess braucht Geduld

Kommentar | Dieser Prozess braucht Geduld
Thomas Wörle muss mit der Mannschaft seinen Weg finden.

In die Fassungslosigkeit nach dem hergeschenkten Sieg in Großaspach mischte sich schnell die Wut. Man wünscht dem SC Preußen Münster, seinen Spielern und dem Trainerteam allerdings einen möglichst großen Abstand zu den sogenannten „sozialen Medien“. Dort verbreitet sich diese Wut eher ungefiltert und ungehemmt. Längst geht es dort um die ganz groben Schnitte: vom Trainer bis zur sportlichen Leitung. Alle raus, alle weg. Seit dem Spiel erscheinen auch in der „Bild“ und in den „Westfälischen Nachrichten“ die typischen Schlüsselwörter. „Trainerdiskussion“. Die „gesamte sportliche Führung […] der Wackel-Preußen“ müsste sich hinterfragen. Jetzt bekommt das anstehende Pokalspiel in Wattenscheid schon einen Beigeschmack.

Die Lage ist natürlich maximal unbefriedigend. Und die Enttäuschung und die Wut nach den jüngsten Spielen ist ja auch verständlich. Als Zuschauer wird man verrückt, wenn man die teilweise atemberaubenden Fehler sieht, die zu immer mehr Gegentoren führen. Und die Wut muss raus und das geht eben bequem und schnell auf Facebook

Nur darf man sich eben nicht von dieser ersten Wut treiben lassen. Auch wenn die Wiederholung vielleicht nervt, aber in dieser Saison geht es um einen kompletten Neuaufbau der Mannschaft, um ein Ankommen in der 3. Liga, um die Entwicklung eines neuen Teams. Und Hand aufs Herz: Wer hat nicht nach dem 3:1 in Wiesbaden gehofft, dass das ohne Bruch geht? Wer hat nicht nach dem fünften Spieltag und Platz 3 in der Tabelle auf mehr gehofft? Die Versuchung lag nahe und vermutlich ist in ihr auch ein Teil der aktuellen Enttäuschung begründet.

Es ist ja auch anstrengend und enttäuschend, dass seit dem fünften Spieltag nur noch mickrige zwei Pünktchen dazugekommen sind – weil zuletzt mehrfach Spiele mit eigenen Führungen und phasenweise guten bis starken Auftritten nicht mit Siegen belohnt wurden. Niemand bestreitet das. Und auch Mannschaft, Trainerteam und sportliche Leitung werden das so sehen.

Entwicklung nicht abgeschlossen

Man muss aber leider aushalten, dass die Entwicklung der Mannschaft nicht nach zehn Spieltagen abgeschlossen ist. Der Prozess, der offensichtlich eingeplant war und durch viele Verpflichtungen auch deutlich belegt war, dauert und er geht auch nicht ohne Rück- und Tiefschläge ab. Da kann man sich noch so sehr aufregen, am Ende führt die Aufregung an der Realität vorbei.

Es gibt eine Reihe handfester Probleme, die der SCP in den Griff bekommen muss, das liegt auf der Hand. Diese Probleme auch deutlich zu adressieren, ist wichtig. Die gesamte Mannschaft bringt sich derzeit in Schwierigkeiten, angefangen vom Torwart bis zum Angriff. Die Baustellen sind überall. Hinten stellt der SC Preußen mittlerweile eine der Schießbuden der Liga, vorne klappt vieles nicht – auch wenn 18 Tore das nicht direkt spiegeln. Das Mittelfeld ist eine Dauerbaustelle.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die sportliche Leitung in den vergangenen zwei, drei Jahre nicht immer glückliche Entscheidungen getroffen hat – von völlig wirkungslosen Winter-Nachverpflichtungen bis hin zum Risiko, extrem verletzungsanfällige Spieler zu verpflichten. Für drei Kreuzbandrisse kann man schwerlich jemanden verantwortlich machen, aber das Verletzungspech trug auch nicht zur Stabilität bei. Nico Koulis, Marvin Schulz (der Ältere), Luca Bolay, Joshua Mees … eine neue Mannschaft kann das nicht spurlos wegstecken. Zumindest kann man nicht automatisch erwarten, dass eine solche Mannschaft konstant eine Leistung abrufen kann. Das ist ärgerlich, das ist enttäuschend, das nervt – aber es ist keine Überraschung.

Stabiler Mix gefragt

Auf das Team um Thomas Wörle kam und kommt die Aufgabe zu, die teilweise sehr jungen Spieler und die erfahreneren Spieler zu einem stabilen Mix zusammenzuführen. Beim Spiel in Großaspach standen fünf Spieler mit maximal 23 Jahren auf dem Platz – dieses Team lieferte lange ein ganz souveränes Spiel ab, baute aber nach der Pause ab. Und dann konnten es die anderen „Jungen“ (Althaus, Tikvic, Basov, Ndikom und Schulz II) auch nicht retten.

Vieles ist Kopfsache. Dass die Mannschaft im Kern zu mehr in der Lage sein kann, hat sie mehrfach angedeutet. Spieler wie Ndikom, Varelmann, Schulz II oder Althaus machen doch Bock! Sie sind ein Versprechen, aber man muss ihnen einfach auch Entwicklungszeit zugestehen. Wörle gibt ihnen Chancen, er setzt genau das um, wofür er geholt wurde. Ihm jetzt fehlende Ergebnisse anzukreiden, führt einfach völlig an allem vorbei.

Man kann jetzt auch über Prozentzahlen streiten: Wird Fußball zu 50 Prozent, zu 90 Prozent im Kopf entschieden? Sicher ist, dass die Mannschaft mit jedem Negativerlebnis sensibler reagiert. Einen Tiefschlag steckt man weg, zwei auch noch, bei dreien wird es anstrengend und irgendwann reicht die kleinste Störung, um das System zusammenbrechen zu lassen. Da steckt der SCP jetzt.

Kleine Schritte

Die gute Nachricht dabei ist: Der Schalter lässt sich umlegen. Und so blöde das klingt, aber am besten lässt sich der Schalter durch Erfolgserlebnisse umlegen. Man darf davon ausgehen, dass ein einzelner Sieg nicht alle Probleme beseitigt – aber er würde einfach den aktuellen Automatismus durchbrechen. Und für die Weiterentwicklung wäre dann das Trainerteam in der täglichen Arbeit verantwortlich. Ein Spiel ohne Gegentor. Ein Sieg. Es braucht nicht viel, nur ein Erfolgserlebnis. Und dann noch eines. Kleine Schritte. Und das ist 28 Spieltage vor Saisonende nicht zu viel verlangt. Geduld, Vertrauen auf den Prozess.

Man muss es der Fanszene der Preußen in diesem Licht hoch anrechnen, dass sie gegen jeden Frust und die gleiche Wut gemeinsam mit der Mannschaft nach dem Spiel in Großaspach trotzdem den Schulterschluss übte. Man kann über alles streiten, aber ganz sicher – ganz sicher – würde blanke Wut von außen niemandem mehr helfen. Das heißt nicht, dass Geduld nicht irgendwann aufgebraucht sein könnte. Oder dass irgendwann Entscheidungen getroffen werden müssten. Aber dieser Zeitpunkt ist keinesfalls jetzt. Der Aufbau war angekündigt, kurzfristige Reaktionen sind nicht nachhaltig.

Jetzt ist Geduld gefragt, auch wenn das Bauchgefühl dazu verleitet, Foren und soziale Medien zum Abfalleimer für den Frust zu nutzen.

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